Technische Achsen
Roser-Nelaton-Linie & technische Hüftachse
Roser-Nelaton-Linie · auch: Roser-Nélaton-Linie · Hüftachse Orthese · technische Hüftgelenkachse
Direct Answer
Die Roser-Nelaton-Linie ist eine anatomische Bezugslinie der unteren Extremität. Sie verläuft von der Spina iliaca anterior superior (vorderer oberer Darmbeinstachel) bis zum Tuber ossis ischii (Sitzbeinhöcker).
Steht ein Mensch in Neutral-Null-Stellung und fällt das Lot durch die Mitte der Achselhöhle, kreuzt dieses Lot die Roser-Nelaton-Linie genau am technischen Hüftgelenkpunkt — der Bezugspunkt für die Lage der Hüftachse in einer Beinorthese.
Anatomische Bezugspunkte
| Punkt | Lage | |
|---|---|---|
| Spina iliaca anterior superior | Vorderer oberer Darmbeinstachel — gut tastbar an der Vorderseite des Beckens | |
| Tuber ossis ischii | Sitzbeinhöcker — der Knochenpunkt, auf dem man im Sitzen aufsetzt | |
| Frontalebene | Roser-Nelaton-Linie liegt am cranialen Ende des Tuberculum quadratum |
Praktische Anwendung in der Orthetik
Für eine HKAFO oder Tuberaufsitz-Orthese wird die Hüftachse so platziert:
- Patient steht in Neutral-Null-Stellung (aufrecht, Arme an der Seite)
- Lotlinie durch die Mitte der Achselhöhle fällen
- Roser-Nelaton-Linie zeichnen: Spina iliaca anterior sup. → Tuber ossis ischii
- Kreuzungspunkt = technischer Drehpunkt der Hüftgelenkachse
Klinische Anwendung — Hüftpathologien tasten
Bei bestimmten Pathologien wandert der Trochanter major aus seiner normalen Lage:
- Luxation des Hüftgelenks → Trochanter major außerhalb der Roser-Nelaton-Linie
- Schenkelhalsfraktur → Trochanter major außerhalb der Linie
Die Roser-Nelaton-Linie ist also nicht nur Konstruktionsbezug, sondern auch diagnostisches Werkzeug.
Konsequenzen falscher Hüftachsenlage
| Verlagerung | Wirkung | |
|---|---|---|
| Vorverlagerung der mech. Hüftachse (frei beweglich) | wirkt durch inkongruente Achslage sichernd und beckenstreckend — Aufrichtung, Beugung verzögert | |
| Rückverlagerung der mech. Hüftachse (frei beweglich) | wirkt fördernd auf die Beckenkippung, begrenzt Beckenstreckung, verzögert Aufrichtung |
Bezeichnungs-Hinweis
In der Literatur findet sich die Schreibweise „Roser-Nélaton-Linie" mit französischem Akzent — die Linie ist nach den Anatomen Wilhelm Roser (deutsch, 1817–1888) und Auguste Nélaton (französisch, 1807–1873) benannt. Beide Schreibweisen sind korrekt.
→ Verwandt: Technische Achsen Orthetik · Knieachse nach Nietert · Tuberaufsitz mit Sohlenentlastung.
Quellen
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Technische Achsen in der OrthetikIn der Orthetik der unteren Extremität gibt es vier sinnvoll konstruierbare technische Achsen: Hüftgelenk-, Knie-, oberes Sprunggelenk- und Abrollachse (Hilfsgelenk). Alle Achsen müssen horizontal und parallel zueinander angeordnet sein (kongruent), drei davon dürfen niemals gleichzeitig gesperrt werden ohne ein viertes Hilfsgelenk.
- Kompromissdrehachse — oberes Sprunggelenk (OSG)Die Kompromissdrehachse des oberen Sprunggelenks (OSG) verläuft horizontal und parallel zum Boden. Der mediale Austrittspunkt liegt direkt unter dem Malleolus tibialis (medialer Knöchel), der laterale Austrittspunkt mittig am Malleolus fibularis (lateraler Knöchel). Bei Erwachsenen liegt die Achse ca. 8,5 cm über dem Boden.
- Knieachse nach Nietert — Kompromissdrehachse KnieDie Knieachse nach Nietert liegt 20 mm (oder 1 % der Körpergröße) kranial des dokumentierten Kniespalts auf Höhe der Patella-Mitte. In der Sagittalebene wird das anteriore-posteriore Maß im Verhältnis 60 % anterior zu 40 % posterior gesetzt. Frontal liegt die Achse parallel zum Boden und parallel zur Stirnachse.
- Drehpunkt-Fehler nach Mommsen / SchraderMommsen und Schrader haben in ihrem klassischen OT-Lehrbuch die typischen Auswirkungen falscher Drehpunktlagen in Schaftorthesen beschrieben: Drehpunkt zu hoch lässt den Schaft beugewärts wandern (Druck vorne), zu tief nach vorne (Druck hinten); zu weit hinten lässt den Schaft nach unten rutschen, zu weit vorne nach oben.