Konstruktionsdetails
Tuberaufsitz mit Sohlenentlastung (Thomasschiene)
Thomasschiene · auch: Thomas-Schiene · Splint Orthese · Vollentlastungs-Orthese
Direct Answer
Die Beinorthese mit Tuberaufsitz und Sohlenentlastung — auch Thomasschiene oder Splint genannt — hat die Aufgabe, die gesamte Körperschwere in ihrer belastenden Wirkung vom Skelett-Traggerüst und der Gelenkkette der erkrankten Seite zu nehmen.
Der Fuß schwebt völlig frei über der Sohle der Orthese — kein Bodenkontakt, weder Ferse noch Ballen.
Voraussetzung: extreme Höhenverlängerung der gesunden Seite
Damit der Fuß der erkrankten Seite in allen Lagen (Stand, Schrittlage, Schrittrücklage) freischwebend bleibt, muss die gesunde Seite extrem verlängert werden — Sohlenerhöhung von mehreren Zentimetern.
Erst dadurch entsteht die Möglichkeit einer völligen Entlastung für die kranke Seite.
Abgrenzung zur Fersenentlastung
| Variante | Lastpfad | |
|---|---|---|
| Tuberaufsitz mit Fersenentlastung | Sitzbein → Schiene → Vorfuß-Ballen-Kontakt | |
| Tuberaufsitz mit Sohlenentlastung (Thomasschiene) | Sitzbein → Schiene → direkt zum Boden, Fuß schwebt komplett |
Indikationen
- Schwere Pseudarthrosen mit Belastungsverbot
- Knochentumor-Versorgung mit erhaltender Operation
- Aseptische Knochennekrosen mit kompletter Entlastung
- Schwere Wundheilungsstörungen am Fuß mit notwendiger Druckfreiheit
Praktische Limitation
Die Höhenerhöhung der gesunden Seite kann mehrere Zentimeter betragen, sodass der Patient „auf einem Bein" geht und das Bein der erkrankten Seite mitführt. Gangbild und Handhabung sind anspruchsvoll — die Versorgung wird daher nur dann gewählt, wenn die Vollentlastung medizinisch unumgänglich ist.
Historischer Hintergrund
Die Thomasschiene ist nach Hugh Owen Thomas (1834–1891) benannt — einem britischen Chirurgen, der die Vollentlastungs-Orthese im 19. Jahrhundert für Tuberkulose-Patienten entwickelte. Die Konstruktion wurde im Lauf der Zeit weiterentwickelt und ist heute Teil des BUFA-Standards.
→ Verwandt: Tuberaufsitz mit Fersenentlastung · Längenausgleich · BUFA-Standard.
Quellen
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Tuberaufsitz mit FersenentlastungEine Beinorthese mit Tuberaufsitz und freischwebender Ferse (bei Ballenkontakt) leitet einen großen Teil der Körperschwere über das Sitzbein und die vertikale Schienenführung am Boden ab. Im Stand und in der Schrittlage erfolgt eine fast völlige Entlastung des erkrankten Beins; in der Schrittrücklage besteht eine Teilbelastung.
- Längenausgleich bei BeinorthesenEine Beinorthese verlängert das versorgte Bein. Bei beidseits gleich langen Beinen führt das zu einer einseitigen Beinverlängerung mit Fehlbelastung von Knie und Becken. Der Längenausgleich muss an der gesunden Seite angebracht werden — meist als Sohlenerhöhung am Schuh.
- Roser-Nelaton-Linie & technische HüftachseDie Roser-Nelaton-Linie verläuft anatomisch von der Spina iliaca anterior superior bis zum Tuber ossis ischii. Steht ein Mensch in Neutral-Null-Stellung, kreuzt die durch die Mitte der Achselhöhle fallende Lotlinie diese Linie genau in der technischen Hüftgelenkachse — sie ist damit der zentrale Bezugspunkt für die Hüftachse einer Beinorthese.
- BUFA-Standard — OrthetikDer BUFA-Standard ist eine an der Bundesfachschule für Orthopädie-Technik in Dortmund entwickelte, international anerkannte Konvention zur Klassifizierung und Konstruktion von Orthesen — er gliedert vor allem entlastende Orthesen, Gelenksicherheits-Nachtschienen und orthopädische Einlagen nach einheitlichen Kriterien.