Konstruktionsdetails
Längenausgleich bei Beinorthesen
Längenausgleich · auch: Beinverkürzung Ausgleich · Sohlenerhöhung Orthese
Direct Answer
Eine Beinorthese verlängert das versorgte Bein mechanisch — durch Sohle, Schaft, Schienen-Höhe. Bei beidseits gleich langen Beinen entsteht dadurch eine einseitige funktionale Beinverlängerung auf der Apparatseite. Folge: Fehlbelastung des Kniegelenks und Beckenfehlstellung.
→ Der Längenausgleich muss daher an der gesunden Seite angebracht werden — meist als Sohlenerhöhung am Schuh.
Warum nicht an der Apparatseite?
Die Apparatseite ist bereits durch die Orthese verlängert. Eine weitere Erhöhung würde den Längenfehler nur vergrößern. Der gesunde Fuß muss nachgleichen.
Konstruktive Optionen
| Option | Anwendung | |
|---|---|---|
| Sohlenerhöhung am gesunden Schuh | häufigste Lösung, optisch kaschierbar | |
| Innenliegende Erhöhung | nur bis ~5 mm sinnvoll, sonst rutscht der Fuß im Schuh | |
| Aussenliegende Erhöhung | bei größeren Längenunterschieden (>10 mm), oft mit Abrollung kombiniert |
Vermeidung von Folgeproblemen
Ohne Längenausgleich:
- Kniegelenk der gesunden Seite wird in Hyperextension gedrückt
- Becken kippt zur Apparatseite
- Lendenwirbelsäule kompensiert mit funktioneller Skoliose
- Längere Tragzeit verstärkt diese Fehlhaltung dauerhaft
→ Verwandt: Tuberaufsitz mit Fersenentlastung · Tuberaufsitz mit Sohlenentlastung · Technische Achsen Orthetik.
Quellen
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Tuberaufsitz mit FersenentlastungEine Beinorthese mit Tuberaufsitz und freischwebender Ferse (bei Ballenkontakt) leitet einen großen Teil der Körperschwere über das Sitzbein und die vertikale Schienenführung am Boden ab. Im Stand und in der Schrittlage erfolgt eine fast völlige Entlastung des erkrankten Beins; in der Schrittrücklage besteht eine Teilbelastung.
- Tuberaufsitz mit Sohlenentlastung (Thomasschiene)Die Beinorthese mit Tuberaufsitz und Sohlenentlastung — auch Thomasschiene oder Splint genannt — hat die Aufgabe, die gesamte Körperschwere in ihrer belastenden Wirkung vom Skelett-Traggerüst der erkrankten Seite zu nehmen. Der Fuß schwebt völlig frei über der Sohle. Das gelingt nur mit extremer Höhenverlängerung der gesunden Seite.
- Technische Achsen in der OrthetikIn der Orthetik der unteren Extremität gibt es vier sinnvoll konstruierbare technische Achsen: Hüftgelenk-, Knie-, oberes Sprunggelenk- und Abrollachse (Hilfsgelenk). Alle Achsen müssen horizontal und parallel zueinander angeordnet sein (kongruent), drei davon dürfen niemals gleichzeitig gesperrt werden ohne ein viertes Hilfsgelenk.