Technische Achsen
Knieachse nach Nietert — Kompromissdrehachse Knie
Nietert-Knieachse · auch: Knieachse Orthese · Kompromissdrehachse Knie · Nietert-Methode
Vertiefung ✓ Geprüft Aktualisiert: 2026-05-02
Direct Answer
Die Knieachse nach Nietert ist die in der orthetischen Praxis gängige Kompromissdrehachse für das Kniegelenk in einer Beinorthese. Sie liegt:
- Höhe: 20 mm — oder genauer 1 % der Körpergröße — kranial des
- A-P-Lage (sagittal): 60 % anterior zu 40 % posterior des in dieser
- Frontal: horizontal, parallel zum Boden und parallel zur Stirnachse
Konstruktion in drei Schritten
1. Höhe festlegen
- Patientenbeispiel 175 cm Körpergröße: 1,75 cm = 17,5 mm kranial Kniespalt.
- Alternative Daumenregel: 20 mm (ungenauer, aber für Erwachsene praktikabel).
- Visueller Anker: Mitte der Patella.
2. A-P-Maß ermitteln
In der oben festgelegten Höhe wird das Knie in seinem **anterior-posterior-Querschnitt** vermessen.3. A-P-Verhältnis 60 / 40
Das Verhältnis wird **60 % anterior, 40 % posterior** angesetzt — der Drehpunkt liegt also leicht hinter der Mitte der A-P-Strecke.Beispiel: Knie-A-P-Maß 100 mm → Drehpunkt bei 60 mm vom anterioren
Rand entfernt (= 40 mm vom posterioren Rand).
Verlagerungs-Effekte
Je weiter die Achse nach dorsal verschoben wird, desto tiefer muss sie konstruktiv angeordnet werden — Höhe und A-P-Lage sind nicht unabhängig.
- Dorsalverlagerung der Knieachse → erhöht die Einknicksicherheit des
Konsequenzen falscher Achsenlage
Klassisch nach Mommsen / Schrader (siehe Mommsen-Schrader-Drehpunkt-Fehler):
- Drehpunkt zu hoch → Schaft wandert beugewärts, Druck vorne
- Drehpunkt zu tief → Schaft wandert nach vorne, Druck hinten
- Zu weit hinten → Schaft wandert nach unten, Stumpf rutscht raus
- Zu weit vorne → Schaft wandert aufwärts, Stumpf wird in den Schaft gedrückt
Quelle
Die Methode geht zurück auf M. Nietert und ist über Jahrzehnte in der deutschen orthopädietechnischen Lehre und Praxis etabliert (Standardlehrwerke, BUFA-Unterricht).
→ Verwandt: Technische Achsen Orthetik · Kompromissdrehachse OSG · Roser-Nelaton-Linie / Hüftachse.
Quellen
- WissenschaftNietert M. — Untersuchungen zur Kompromiss-Drehachse des Kniegelenks Definiert die in der Orthetik genutzte Kompromiss-Drehachse des Kniegelenks (Patellamitte, A-P 60/40-Verhältnis).
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Technische Achsen in der OrthetikIn der Orthetik der unteren Extremität gibt es vier sinnvoll konstruierbare technische Achsen: Hüftgelenk-, Knie-, oberes Sprunggelenk- und Abrollachse (Hilfsgelenk). Alle Achsen müssen horizontal und parallel zueinander angeordnet sein (kongruent), drei davon dürfen niemals gleichzeitig gesperrt werden ohne ein viertes Hilfsgelenk.
- Kompromissdrehachse — oberes Sprunggelenk (OSG)Die Kompromissdrehachse des oberen Sprunggelenks (OSG) verläuft horizontal und parallel zum Boden. Der mediale Austrittspunkt liegt direkt unter dem Malleolus tibialis (medialer Knöchel), der laterale Austrittspunkt mittig am Malleolus fibularis (lateraler Knöchel). Bei Erwachsenen liegt die Achse ca. 8,5 cm über dem Boden.
- Roser-Nelaton-Linie & technische HüftachseDie Roser-Nelaton-Linie verläuft anatomisch von der Spina iliaca anterior superior bis zum Tuber ossis ischii. Steht ein Mensch in Neutral-Null-Stellung, kreuzt die durch die Mitte der Achselhöhle fallende Lotlinie diese Linie genau in der technischen Hüftgelenkachse — sie ist damit der zentrale Bezugspunkt für die Hüftachse einer Beinorthese.
- Dorsalverlagerung der Knieachse — EinknicksicherheitEine Dorsalverlagerung der mechanischen Knieachse erhöht die Einknicksicherheit des anatomischen Kniegelenks in der Belastungsphase. Die Oberschenkelhalterung verschiebt sich dabei parallel — das schafft Knie-Streckungs-Unterstützung ohne starre Sperrung.
- Drehpunkt-Fehler nach Mommsen / SchraderMommsen und Schrader haben in ihrem klassischen OT-Lehrbuch die typischen Auswirkungen falscher Drehpunktlagen in Schaftorthesen beschrieben: Drehpunkt zu hoch lässt den Schaft beugewärts wandern (Druck vorne), zu tief nach vorne (Druck hinten); zu weit hinten lässt den Schaft nach unten rutschen, zu weit vorne nach oben.