Technische Achsen
Kompromissdrehachse — oberes Sprunggelenk (OSG)
OSG-Achse · auch: Sprunggelenkachse Orthese · OSG technische Achse · Knöchelachse Orthese
Direct Answer
Die Kompromissdrehachse des oberen Sprunggelenks (OSG) verläuft in der Orthese horizontal und parallel zum Boden. Sie liegt:
- Medial: direkt unter dem Malleolus tibialis (innerer Knöchel)
- Lateral: mittig am Malleolus fibularis (äußerer Knöchel)
- Höhe beim Erwachsenen: ca. 8,5 cm über dem Boden
Die Achse muss die Außenrotation des Fußes berücksichtigen.
Anatomische Grundlage
Anatomisch ist die OSG-Achse nicht einfach horizontal — sie verläuft schräg durch beide Knöchel:
| Punkt | Anatomische Lage | |
|---|---|---|
| Lateraler Austrittspunkt | 12 mm unterhalb des distalen Endes des Malleolus fibularis (lateral); 11 mm vor dem Malleolus fibularis nach anterior versetzt | |
| Medialer Austrittspunkt | 16 mm unterhalb des Zentrums des Malleolus tibialis; 1 mm hinter dem Zentrum des Malleolus tibialis nach posterior versetzt |
Warum „Kompromissdrehachse"?
In der orthopädietechnischen Konstruktion wird die schräg verlaufende anatomische Achse zu einer horizontalen Kompromissachse vereinfacht — parallel zum Boden, kongruent mit der Knie- und Hüftachse. Der Name Kompromiss bezeichnet genau diese Vereinfachung gegenüber der anatomischen Realität.
Konstruktive Konsequenzen
| Aspekt | Regel | |
|---|---|---|
| Frontalebene | Medialer Punkt direkt unter Malleolus tibialis, lateral Mitte Malleolus fibularis | |
| Sagittalebene | Mitte medialer Malleolus tibialis, Austritt parallel zur Stirnachse lateral — Außenrotation des Fußes beachten | |
| Höhe über Boden | ca. 8,5 cm bei Erwachsenen |
Folgen einer falschen OSG-Achse
- Achse zu hoch → das Schaftteil wandert beugewärts, Druck vorne am Schienbein
- Achse zu tief → Schaft wandert nach vorne, Druck hinten an der Wade
- Zu weit hinten → Schaft wandert nach unten, Stumpf rutscht raus
- Zu weit vorne → Schaft wandert aufwärts, Stumpf wird in den Schaft gedrückt
→ Diese Effekte sind generisch für falsche Drehpunkte — siehe Mommsen-Schrader-Drehpunkt-Fehler.
Verbindung zur Knieachse
Wenn die Dorsalextension im OSG gesperrt wird (z. B. zur Knie-Streckungs-Unterstützung), müssen Kniegelenkachse und OSG-Achse besonders sorgfältig kongruent sein — sonst entsteht Spannung in der Schiene.
→ Verwandt: Technische Achsen Orthetik · Knieachse nach Nietert · Roser-Nelaton-Linie / Hüftachse.
Quellen
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Technische Achsen in der OrthetikIn der Orthetik der unteren Extremität gibt es vier sinnvoll konstruierbare technische Achsen: Hüftgelenk-, Knie-, oberes Sprunggelenk- und Abrollachse (Hilfsgelenk). Alle Achsen müssen horizontal und parallel zueinander angeordnet sein (kongruent), drei davon dürfen niemals gleichzeitig gesperrt werden ohne ein viertes Hilfsgelenk.
- Knieachse nach Nietert — Kompromissdrehachse KnieDie Knieachse nach Nietert liegt 20 mm (oder 1 % der Körpergröße) kranial des dokumentierten Kniespalts auf Höhe der Patella-Mitte. In der Sagittalebene wird das anteriore-posteriore Maß im Verhältnis 60 % anterior zu 40 % posterior gesetzt. Frontal liegt die Achse parallel zum Boden und parallel zur Stirnachse.
- Roser-Nelaton-Linie & technische HüftachseDie Roser-Nelaton-Linie verläuft anatomisch von der Spina iliaca anterior superior bis zum Tuber ossis ischii. Steht ein Mensch in Neutral-Null-Stellung, kreuzt die durch die Mitte der Achselhöhle fallende Lotlinie diese Linie genau in der technischen Hüftgelenkachse — sie ist damit der zentrale Bezugspunkt für die Hüftachse einer Beinorthese.
- Drehpunkt-Fehler nach Mommsen / SchraderMommsen und Schrader haben in ihrem klassischen OT-Lehrbuch die typischen Auswirkungen falscher Drehpunktlagen in Schaftorthesen beschrieben: Drehpunkt zu hoch lässt den Schaft beugewärts wandern (Druck vorne), zu tief nach vorne (Druck hinten); zu weit hinten lässt den Schaft nach unten rutschen, zu weit vorne nach oben.