Konstruktionsdetails
Vor-/Rückverlagerung des mechanischen Hüftgelenks
Hüftachse verlagert · auch: mechanisches Hüftgelenk Orthese · Hüftachse vorverlagert
Direct Answer
Ein vorverlagertes freibewegliches mechanisches Hüftgelenk in einer Beinorthese wirkt durch seine inkongruente Achslage:
- sichernd und beckenstreckend → Aufrichtung des Beckens
- begrenzend bzw. verzögernd der Beckenbeugung
Ein rückverlagertes mechanisches Hüftgelenk wirkt umgekehrt:
- fördernd auf die Beckenkippung (Beugung)
- begrenzend der Beckenstreckmöglichkeit
- verzögernd der Beckenaufrichtung
Warum „inkongruent"?
In den anderen Achsen-Lexikon-Einträgen ist die Kongruenz aller Achsen Pflicht. Bei der Hüftachse wird die Inkongruenz dagegen bewusst genutzt, um über die Hebel-Geometrie eine gewünschte Beckenwirkung zu erzeugen.
Praktische Anwendung — HKAFO
Bei einer HKAFO (Hüft-Knie-Sprunggelenk-Fuß-Orthese) wird die Lage der Hüftachse je nach Versorgungsziel gewählt:
| Versorgungsziel | Lage der Hüftachse | |
|---|---|---|
| Becken aufrichten, Hyperlordose vermeiden | vorverlagert | |
| Beckenkippung erleichtern, z. B. beim reziproken Gehen (RGO) | rückverlagert |
Bezug zur Roser-Nelaton-Linie
Die Roser-Nelaton-Linie (Spina iliaca anterior superior → Tuber ossis ischii) ist der anatomische Ankerpunkt. Vor- oder Rückverlagerung bedeutet: vor oder hinter dem Kreuzungspunkt von Lotlinie (durch die Mitte der Achselhöhle) und Roser-Nelaton-Linie.
→ Siehe Roser-Nelaton-Linie / Hüftachse.
→ Verwandt: Roser-Nelaton-Linie / Hüftachse · Technische Achsen Orthetik · Knöchelgelenk Vor-/Rückverlagerung.
Quellen
- LehrbuchHütt R. — Orthetik der unteren Extremitäten Standardlehrbuch für Orthesenkonstruktion und biomechanische Wirkprinzipien.
- BildungBundesfachschule für Orthopädie-Technik Dortmund (BUFA)Zentrale Fachschule für die OT-Meisterausbildung in Deutschland — definiert den „BUFA-Standard" als anerkannten Branchen-Konsens.
Verwandte Begriffe
- Roser-Nelaton-Linie & technische HüftachseDie Roser-Nelaton-Linie verläuft anatomisch von der Spina iliaca anterior superior bis zum Tuber ossis ischii. Steht ein Mensch in Neutral-Null-Stellung, kreuzt die durch die Mitte der Achselhöhle fallende Lotlinie diese Linie genau in der technischen Hüftgelenkachse — sie ist damit der zentrale Bezugspunkt für die Hüftachse einer Beinorthese.
- Technische Achsen in der OrthetikIn der Orthetik der unteren Extremität gibt es vier sinnvoll konstruierbare technische Achsen: Hüftgelenk-, Knie-, oberes Sprunggelenk- und Abrollachse (Hilfsgelenk). Alle Achsen müssen horizontal und parallel zueinander angeordnet sein (kongruent), drei davon dürfen niemals gleichzeitig gesperrt werden ohne ein viertes Hilfsgelenk.
- Vor-/Rückverlagerung des Knöchelgelenks (OSG)Eine Vorverlagerung des mechanischen Knöchelgelenks (OSG-Achse) wirkt sichernd — sie verzögert die Bewegung im oberen Sprunggelenk und stabilisiert dadurch indirekt auch das Kniegelenk. Eine dorsale Anschlagsperre im OSG (gesperrte Dorsalextension) wirkt zusätzlich streckend auf das Kniegelenk.
- Dorsalverlagerung der Knieachse — EinknicksicherheitEine Dorsalverlagerung der mechanischen Knieachse erhöht die Einknicksicherheit des anatomischen Kniegelenks in der Belastungsphase. Die Oberschenkelhalterung verschiebt sich dabei parallel — das schafft Knie-Streckungs-Unterstützung ohne starre Sperrung.